Märchen Klimawandel
PreviewDas Reich unter zwei Tonnen
Es war einmal, in einem kleinen Reihenhaus am Rande eines weiten Landes, eine Familie, die hieß Güse. Die Mutter nannte man Eva Güse, der Vater hieß Michael Koop, und ihre Tochter Emilia war achtzehn Winter alt. In ihrem Reich spielte der Klimaschutz eine wichtige Rolle, nicht nur bei der Arbeit, sondern auch daheim am Herdfeuer und unter dem Dach.
Eines Tages sprachen sie einen feierlichen Wunsch aus: Jeder von ihnen wollte im Jahr unter zwei Tonnen CO2 bleiben. Denn, so erzählte man sich im Land, wenn alle Menschen das schafften, dann würde die Erderwärmung unter zwei Grad bleiben. Emilia zog voll mit, denn sie wollte, dass die Wälder grün blieben und die Sommer nicht zu heiß wurden.
Da begann das Sparen schon auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Weg zur Schule. Eva und Emilia nahmen das Rad, auch bei Wind und Wetter, und sie taten es ohne Klagen. Und siehe da: Die Familie Güse hatte kein Auto. Wenn der Weg zu lang war, stiegen sie in Bus und Bahn, die durch das Land rollten wie lange, eiserne Raupen.
So kam es, dass ihre CO2-Jahresbilanz im Bereich Verkehr erstaunlich niedrig ausfiel: Emilia und Eva kamen auf je 160 Kilogramm, Michael auf 330 Kilogramm, denn er war beruflich viel mit der Bahn unterwegs. Das war, wie es im Reich hieß, etwa ein Zehntel des Bundesdurchschnitts.
Doch die Familie blieb nicht dabei stehen. Sie nahm ihr altes Reihenhaus und ließ es nachträglich dämmen, als würde man ihm einen warmen Mantel anziehen. Warmwasser und Heizwärme kamen teilweise von einer Solaranlage, die das Licht der Sonne einfing wie ein Zauber. Ein Lüftungssystem half zusätzlich, Energie zu sparen, und im Winter unterstützte ein Holzofen das Heizsystem, denn die Gasheizung sollte so wenig wie möglich laufen. So lag die Familie bei Warmwasser und Heizung weit unter dem Bundesdurchschnitt.
Wenn die Wäsche nass war, hing Eva sie nicht in einen großen, brummenden Trockner, sondern setzte auf die Kraft der Sonne. Und auch beim Strom geschah etwas Besonderes: Seit kurzem produzierte die Familie ihn selbst, und das, ohne dafür extra einen Elektriker zu bestellen. Solarstrom, kinderleicht, wie man im Dorf staunend erzählte. So lag ihre Jahresbilanz für Strom besonders weit unter dem Bundesdurchschnitt.
Doch als die Familie in den Laden ging, wurde es schon komplizierter. Denn für jede Ware wurde bei Herstellung, Transport und Lagerung CO2 freigesetzt, und wie viel das war, ließ sich im Einzelnen oft nicht herausfinden. Die Familie kaufte zwar zum Teil Secondhand-Waren, doch beim Konsum waren sie trotzdem ziemlich nah am Bundesdurchschnitt, als wäre dort ein unsichtbarer Bann, der schwer zu brechen war.
Da beschlossen sie, auch ihre Ernährung dem Klima zuliebe umzustellen. Der Rosenkohl stammte von einem benachbarten Biohof, die Familie kochte viel selbst und mied Fertigprodukte. Emilia und Eva waren Vegetarierinnen, und Michael aß viel weniger Fleisch als früher, denn in der Viehwirtschaft, so wusste man im Reich, wurden riesige Mengen Treibhausgase freigesetzt, besonders viel bei der Rinderhaltung. So kamen die beiden Vegetarierinnen immerhin auf weniger als zwei Drittel des Bundesdurchschnitts.
Als sie all dies getan hatten, wollten sie wissen, ob ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war. Darum ließen sie ihr gesamtes Ergebnis ihrer CO2-Bilanz mit einem Online-Rechner ermitteln, als wäre es ein magischer Spiegel, der die Wahrheit zeigte.
Das Ziel waren zwei Tonnen CO2, also 2000 Kilogramm. Doch als der Spiegel sprach, zeigte er, dass die Familie das Ziel weit verfehlt hatte. Und für jeden kamen sogar noch 730 Kilogramm öffentlich erzeugtes CO2 dazu, für Schulen und Krankenhäuser beispielsweise. Insgesamt jedoch lagen sie deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, und das war in ihrem Land dennoch eine seltene Tat.
Da erkannten Eva, Michael und Emilia: Besonders bei den global produzierten Konsumgütern hatten die Verbraucher wenig Einfluss, und nicht nur in diesem Bereich kam es auf die Rahmenbedingungen an. Als Einzelne konnten sie zwar viel tun, aber ganz allein konnten sie das Klima offenbar nicht retten.
Und wenn sie nicht aufgehört haben zu radeln, zu sparen und klug zu wählen, dann tun sie es noch heute.